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Ist #Freiheit wirklich relevant? Sind Netzwerke überflüssig?

Simon Unge will sich von seinem Netzwerk trennen. Einem Netzwerk, dass noch nie den allerbesten Ruf hatte. Einem Netzwerk das von einem Skandal in den nächsten schlittert. Mehrfach wegen Schleichwerbung, Kritik an der Akquisition minderjähriger Partner bis hin zu kleinen Skandälchen, die nie die Community verlassen haben – aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen. Manchmal wurden TV-Berichte gelöscht, weil sich das Netzwerk falsch dargestellt sah und dann verbreitet man seltsame Grafiken über Kritiker in internen Newslettern. Alles in allem fällt es schwer ein Fan der Firma zu sein.

Was sind eigentlich Netzwerke und braucht man sie?

Netzwerke haben eine ganz seltsame Stellung in der YouTube-Landschaft. Vorweg – Wir müssen uns davon lösen, YouTube nur als eine Plattform für Katzenvideos zu sehen. YouTube ist Business und das nicht nur für Google, die mittlerweile keine roten Zahlen mehr schreiben, sondern auch für die Ersteller der Videos. Zwar gibt es immer noch immens viele Mitglieder, die YouTube aus Hobbygründen nutzen oder gar nur passiv konsumieren, aber es gibt auch die anderen, die professionelle Inhalte erstellen und damit ihr Geld und ihren Lebensunterhalt verdienen. Simon Unge ist einer von ihnen.

Ein YouTube-Kanal macht in erster Linie eine Sache – er frisst Zeit. Er frisst sogar unheimlich viel Zeit. Wenn man allein einen Kanal bedient, dann ist das kein Fulltime-Job, es sind mindestens zwei. Man muss nicht nur die Videos planen und drehen, sondern auch schneiden, rendern, hochladen, benennen, Thumbnails gestalten. Danach folgt die „Vermarktung“ über die verschiedenen Netzwerke, das moderieren der Kommentare und beantworten der Fragen. Danach vielleicht noch die Kommunikation mit Sponsoren und Werbekunden. Wenn es dann noch Probleme mit YouTube gibt (Copyright, Strikes oder was auch immer), dann steht meist alles still, was oben aufgezählt wurde, bis die Sache geklärt ist.

Hat man einen Kanal mit 100 Abonnenten und 10 Videos, dann hält sich die Arbeit in Grenzen. Hat man aber zwei Kanäle die zusammen monatlich 30 Millionen Views generieren, dann kann man sich vorstellen, in welche Größenordnung die Arbeitsstunden anwachsen.

Hier kommen Netzwerke ins Spiel – oder zumindest die Idee der Netzwerke. Netzwerke sollen dem YouTuber Arbeit abnehmen. Sie kümmern sich um die Vermarktung – das heißt um Sponsoren, Werbekunden. Sie kümmern sich manchmal auch um die Social Media Kanäle, indem sie eigene Teams abberufen. Das Einstellen der Videos auf YouTube kann auch zu ihrem Aufgabengebiet gehören. Manche Netzwerke schneiden sogar die Videos ihrer Partner.

Was genau ein Netzwerk macht ist immer eine Frage des Vertrags, den man bekommen hat und der Vertragsbedingungen, die man mit dem Netzwerk abgesprochen hat.

Google liebt und fördert Netzwerke. Am liebsten hätte man bei Google, dass alle Content-Ersteller in Netzwerken sind, denn Netzwerke nehmen Google Arbeit ab ohne dass Google die Netzwerke bezahlen muss, denn das Geld geben die Partner den Netzwerken. Zwischen 30 und 70 Prozent der Werbeeinahmen gehen an die Netzwerke. Häufig generieren die Netzwerke aber sowieso schon eine höhere Werbesumme, sodass es sich für die YouTuber trotz der hohen Abgaben lohnen kann.

So viel zur Theorie.

Die Realität hinter vielen Netzwerken sieht aber ganz anders aus. Um Werbekunden zu beeindrucken und Sponsoren sowie Investoren zu gewinnen, zählen vor allen Dingen Klickzahlen. Abonnenten sind gar nicht mehr so wichtig. Wichtig ist es zu zeigen „so oft wurden unsere Videos angeschaut“. Viele Klickzahlen mit wenig Aufwand erreicht man dann, wenn man viele Partner hat. Für ein Netzwerk ist es gefährlich, wenn es einige sehr starke Partner gibt, weil sie sich von diesen Partnern abhängig machen. Fällt einer weg, dann sinken auch deren Zahlen massiv. Das könnte Investoren verschrecken. Die Viewzahlen aber auf möglichst viele mittelgroße und kleine Kanäle aufzuteilen ist daher sicherer.

Mediakraft hat für diese mittelgroßen und kleinen Kanäle das „Talents“-Netzwerk gegründet. Aufnahmebedingungen gibt es keine – obwohl doch – man sollte einen Kanal haben. Der muss aber weder alt, noch erfolgreich sein. Genommen wird jeder und „Talents“ impliziert, dass man jungen Künstlern die Chance auf die große Karriere gibt. Die Wahrheit sieht aber anders aus.

Früh kamen Beschwerden, dass man weder einen Support noch einen Ansprechpartner hätte und sich Mediakraft bei Anfragen tot stelle. Das war wohl personaltechnisch auch gar nicht zu stemmen, wenn man jeden aufnimmt. Man gelobte zwar Besserung, aber dass es hier nicht um die Partner ging, sollte spätestens zu dem Zeitpunkt klar gewesen sein.

Simon will aus seinem Vertrag heraus und das mit einem Knall

In seinem Video berichtet er über einen schon länger anhaltenden Rechtsstreit mit seinem Netzwerk. Darüber, dass Verträge von Seiten des Netzwerks nicht eingehalten wurden. In einem veröffentlichten Ausschnitt aus einem internen Mediakraft-Forum auf Facebook redete man Tacheles. Ausstehende Beträge in fünfstelliger Höhe und eine ominöse Strafanzeige stehen im Raum. Ein Statement gibt es dazu jedoch nicht. Gleichzeitig wird klar – der Ton ist angespannt und die Nerven liegen bei allen Beteiligten blank.

Simon spricht in seinem Video davon, dass man versucht habe ihn unter Druck zu setzen. Man wolle ihn in die Privatinsolvenz treiben. Wie genau sagt er zwar nicht, aber allein der Begriff dürfte bei einem jungen Menschen den kalten Angstschweiß auf den Rücken treiben.

Mit Drohungen ist das so eine Sache – entweder man gibt ihnen nach und hält die Klappe – und das haben bisher alle gemacht, die in einer ähnlich-unglücklichen Situation waren – oder man macht sich nicht erpressbar und legt ohne Rücksicht auf Verluste alle Karten auf den Tisch.

Simon hat letzteres gemacht und damit zwei Kanäle geopfert, um seine Geschichte publik zu machen. Mit den Kanälen 30 Millionen Views im Monat, die ihm als Werbefläche verloren gehen. Laut des internen Facebook-Auszugs ist das immerhin eine fünfstellige Summe im Monat.

Die Verhandlungen scheinen sich zu ziehen und so spielt er die einzige Karte, die er gegen sein Netzwerk in der Hand hat – seine Reichweite. Das Netzwerk hält sich bei den Kanälen oft lieber im Hintergrund und tritt nur so weit in Erscheinung wie es nötig ist. Die Authentizität der YouTuber soll nicht durch einen Vermarkter gestört werden. Und genau das ist Mediakrafts Schwachstelle, denn die Sympathien der Fans, die man gesammelt hat, sind beim YouTuber, der täglich sein Gesicht in die Kamera hält und nicht bei den Büromenschen, die im Hintergrund arbeiten – oder laut Simon eben nicht. Und so muss sich Mediakraft seit Tagen einen Shitstorm antun, der nicht nur auf YouTube und in den Netzwerken ´wütet, sondern auch in anerkannten Nachrichtenmedien auftaucht.

Kinder gegen das Major-Label

Und dieser Shitstorm wird nicht etwa von Medienleuten befeuert – diese haben sich kaum bis gar nicht mit YouTube befasst und erkennen den Wert jetzt erst langsam. Nein – befeuert wird er von der werberelevanten Zielgruppe zwischen 9 und 16. Auf welcher Höhe dieser Shitstorm stattfindet, ist vorstellbar.

Diese Zielguppe ist unkritisch, impulsiv und lässt sich leicht begeistern. Eine Zielgruppe die man gern auf seiner Seite hat, wenn man Vermarkter ist – eine Zielgruppe die Mediakraft nun aber gegen sich hat und die sie nicht verlieren dürfen, denn genau auf ihnen baut das Geschäftskonzept aller Kanäle auf. Während diverse Profile des Netzwerks und der Mitarbeiter nun mit Fäkalkommentaren, Drohungen und Beleidigungen gespammt werden, versucht Simon in einem Video auf seinem Facebook-Profil zu deeskalieren, aber das dürfte schwierig werden, denn diese Kinder und Teenager fühlen sich im Recht und man will ihnen gefühlt das wegnehmen, was ihnen sehr wichtig ist.

Endlich vs. Mach dass es vorbei geht

Die Unzufriedenheit gegenüber Mediakraft brodelte schon seit Monaten in der Community. Untereinander unterhielt man sich darüber, was passierte. Viele – auch bekannte YouTuber wie MrTrashpack reden davon, dass dort einiges falsch läuft, aber keiner wird konkret.

Es brauchte einen Stein, der die Geschichte zum Rollen bringt. Jemanden dessen Wut größer ist als seine Angst und derjenige ist nun gefunden und er bringt so viele Fans mit, dass sich Mediakraft diesmal nicht mehr herausreden kann.

Große YouTuber loben Simon für seinen Schritt. Allen voran Gronkh, dessen Stand zu dem Netzwerk am harmlosesten mit „Unterkühlt“ beschrieben werden kann. In seinen Videos nahm er zu dem Thema oft kein Blatt vor den Mund.

Simon wusste mit seinem Video, dass er etwas lostreten würde, aber was genau, war ihm sicherlich nicht wirklich klar, bis es passierte. In seinem Podcast deutete er an, dass alle mal etwas runterfahren sollten und dass es etwas viel wird. Die Anspannung der letzten Wochen und Tage dürften auch ihm in den Knochen stecken. Was nun mit Mediakraft, Simon und seinen Kanälen passiert, werden die nächsten Tage zeigen.

Der Plan B steht mit dem neuen Kanal „Unge“ schon. Ein Kanal, der laut seinen Aussagen nicht ihm, sondern einem Nicht-Mediakraft-Mitglied gehört, denn rechtlich darf er keinen neuen Kanal erstellen, ohne nicht Mediakraft zumindest die Erstoption auf den Content zu bieten.

Mediakraft wäre gut beraten, Simon aus seinem Vertrag zu entlassen, ihm seine Kanäle zu überstellen und die Sache möglichst schnell zu klären. Je länger der Streit öffentlich ausgetragen wird, desto größer ist der Schaden für den Ruf des Netzwerks. Auf der anderen Seite wäre Simon dann aber nicht der einzige, der aus seinem Vertrag raus will. Einige Mitglieder sitzen gegen Ende nur noch enttäuscht ihre Zeit ab und hoffen dann wieder auf eigenen Beinen zu stehen.

 #Freiheit betrifft nicht Simon, sondern eine ganze Generation

Wer denkt, es gehe bei #Freiheit um die Befindlichkeiten eines verwöhnten Jungen, der nicht genug bekommt, der hat die letzten Jahre unter einem Stein gelebt. Denn würde er nicht genug bekommen können, dann würde er bei Mediakraft bleiben und sich mit ihnen bestens verstehen.

Hier geht es um eine ganze Generation. Eine Generation, die man heutzutage sogar kaum mehr versteht, wenn man die 20 überschritten hat. Hier geht es um greifbare Idole, Ideale und der Tatsache, dass das Netz und ein YouTuber die wohl mächtigsten Signalverstärker der kommenden Online-Generation sind.

Man kann das Thema also humoristisch abwertend betrachten. Man kann sich aber auch Gedanken machen, was das über die eigene Medienkompetenz aussagt. Man kann aber vor allem in dieser Situation sehen, dass die Internetmedien mit den gleichen Problemen und Sorgen zu kämpfen haben, wie klassische Berufszweige. Nur da werden sie anerkannt.

YouTube unterscheidet sich damit mittlerweile kaum mehr von der restlichen Medienbranche, wo der Schein nach außen immer sauberer ist, als die Tatsachen hinter den Kulissen.

Mut für andere

Ich hoffe, dass sich durch Simons Video andere beflügelt fühlen, nicht nur selbst auszupacken, sondern sich auch den Schritt zu trauen, laut zu werden. Es ist wie das Bild mit einem Fischschwarm, der immer noch stärker ist als der einzelne Fisch im Wasser. Warten wir ab, wie viel Freiheit für deutsche YouTuber vorgesehen ist.

Titelbild: Rupert Ganzer  Some rights reserved