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Wenn die Medien zockende Frauen für sich entdecken, geht’s nicht um die Spiele

Gestern habe ich ja über meinen ersten Monat Twitch geschrieben, welche Erfahrungen ich gemacht habe und wie es für mich weitergeht. Dann wurde mir gestern ein Link zugeschickt, wo die Top 10 der Twitch-Frauen gesammelt wurden und ich fand es so lang interessant, bis ich ihn klickte. Die Überschrift:

„Twitch: Diese heißen Babes zocken Ihre Lieblingsspiele!“

Keine Ahnung ob mit nach Lachen oder Weinen zumute war. Dahinter verbarg sich sich eine Klickstrecke mit Fotos. Entweder vom Stream (wenn Frau Ausschnitt zeigte) oder Archivfotos oder von Facebook gemopste Urlaubs- oder Strandfotos. Hauptsache genug Brust ist zu sehen.

Vorab – Ja es ist ein Beitrag von der Springerpresse gewesen und dass die trotz des großen Aufrufs in diesem Jahr Qualitätsjournalismus bringen zu wollen, nichts liefern, sehe ich das trotzdem problematisch, denn dieses Medium hat Reichweite und genug Leser.

Leser, die nach diesem Artikel potentielle Twitch-Zuschauer werden könnten und die Art von Zuschauer werden, die man als Frau schnell blockieren sollte.

Aber die zeigen doch ihre Titten, dann wollen die das nicht anders

Viele Leute machen Twitch hauptberuflich. Es ist ihr Job, Spiele fürs Publikum zu spielen. Man verdient aber nur, indem man viele Zuschauer hat und auch aktiv im Stream hält. Zum einen für Werbeeinnahmen und zum anderen für Donations, die von den Zuschauern freiwillig gegeben werden.

Genau wie sich Bücher nach ihrem Aussehen verkaufen, geht der Blick in einem Twitch-Stream zuerst auf den Twitcher. Ist er sympathisch, mag man seine Art zu spielen, dann bleibt man da und abonniert sogar. Womit lässt sich denn der durchschnittlich pubertierende Junge so ködern? Richtig. Ein hübsches Mädel mit tiefem Ausschnitt. Dann ist auch egal was sie spielt und wie gut sie ist.

Hinter dem Ganzen steckt teils ein knallhartes Marketing-Konzept. Genau wie bei YouTube, wo einige Netzwerke Newsletter herumschicken und den Mitgliedern sagen, sie sollten mehr nackte Frauen in die Thumbnails einbauen, weil dies die Klickrate steigert. Für einige ist das der persönliche Stil, für andere ist es eine Werbe- und Marketingmasche.

Herabwertung ist okay

Das Problem ist, dass das allein der Grund ist, dass es okay erscheint, Frauen zu beleidigen und dann in den Streams mit eindeutigen Angeboten zu bombardieren. Ich bin häufiger als Gast bei einer Freundin im Stream und 30% ihrer Zeit im Spiel muss sie Typen zurechtweisen, die denken, sie könnten ihr eindeutige Angebote machen. Spätestens wenn sie sich „ziert“ dann werden sie aggressiv und dann auch direkt gebannt. Dabei sieht sie sich keinesfalls aufreizend an, aber sie trägt  Make-Up. Überlebt mal. Da wird Make-Up bereits als Rechtfertigung gesehen, sich wie die Axt im Wald aufzuführen-

Die Herabwertung einer Frau scheint ab dem Zeitpunkt für die Öffentlichkeit also okay zu sein, wenn sie sich nicht wie eine graue Maus anzieht. „Sie will es doch nicht anders“, „Wenn sie sich so anzieht, hat sie es nicht besser verdient“, „Vermutlich hat sie im Hintergrund einen Kerl für den sie arbeitet.“. Alles das sind reale Kommentarfetzen aus der Artikeldiskussion.

Das Problem liegt weder bei Twitch, noch bei der Bild

Das Problem liegt weder bei der Bild, bei Twitch, bei den Streamern oder bei den Zuschauern. Das Problem gibt es deswegen, weil unsere Gesellschaft es so als okay ansieht. Es ist gesellschaftlich anerkannt, Menschen nach ihrem Aussehen zu bewerten und dementsprechend zu behandeln. Es ist anerkannt, dass Frauen, die sich aufreizend kleiden, jeglichen Anspruch verlieren, wie ein Mensch behandelt zu werden.

Die Bild bedient sich nur bestehender Mechanismen. Und die Bildleser sind die, die am wenigsten hinterfragen und die Parolen schreien, die sie vielleicht schon von ihren, vom Leben gefrusteten Eltern mitbekommen haben.

Zum Glück sind Gamer anders

Wenn es ums Gaming geht, sind die Leute zum Glück anders. Man kann aufgereizt gekleidet über die Gamescom gehen, ohne dumm angemacht zu werden. Cosplayerinnen können sich dort bewegen und ernten eher Bewunderung darüber, wie viel Mühe sie sich mit ihrem Kostüm gegeben haben, statt darüber wie viel Haut man sieht.

Selbst, wenn viele Frauen erst über ihre Freunde in Gaminggruppen hineinfinden – ich habe bislang och nicht gehört, dass sie in dieser Gruppe zurückgestellt werden oder nicht zu sagen hätten. Equal Gamers.

Was lehrt uns dieser Artikel aber nun? Was lernen wir von der Bildzeitung? (Ja wir können was lernen.) 

Wir lernen, dass Frauen im Gaming nur dann in den Fokus der medialen Aufmerksamkeit gelenkt werden, wenn sie hübsch sind oder aufreizende Kleidung tragen. Frauen als wirkliche Gamer sind in der Mainstream-Medienwelt noch nicht angekommen. Wir lernen daraus auch, dass eine Frau kaum eine andere Option hat, wenn sie in der Gaming-Szene bekannt werden will, als wirklich WIRKLICH gut zu sein (und damit wirtschaftlich relevant, weil sie Geld verdient) oder eben sich diesem Schema hübsch und halbnackt hinzugeben. Es geht in diesem Konstrukt kaum darum, dass Frauen Spaß am zocken haben.

Ich kann sehr gut verstehen, dass viele Frauen sich unter den Umständen gar nicht mehr trauen, überhaupt im Gaming-Bereich an die Öffentlichkeit zu gehen. Selbst in Deutschland sind die größten Let’s Player eben Männer. Es gibt zwar einige mittelgroße Let’s Playerinnen, aber die werden nie an die Zahlen der Männer heranreichen.

Und wie lösen wir das Problemchen?

Wäre ich jetzt Feministin würde ich einen Shitstorm gegen die Bild starten, würde sie alle Sexisten nennen und Galle spucken. Ich denke aber das würde gar nichts bringen, außer dass ich mich selbst zum Gespött mache.

So ein Marionettenspiel wie die Bild es veranstaltet, funktioniert nur so lang wie es Marionetten gibt, mit denen sie spielen können. Unser Ziel sollte es sein, langfristig die Menschen von dieser Art zu denken abzubringen. Wir sollten also schon unseren Kindern beibringen, wie man Menschen behandelt. Wir sollten Kinder nicht zu Bildlesern erziehen.

Da nun aber auch Bildleser Kinder bekommen, wird dies ein langer Weg sein, aber es ist machbar. Tiefe Einschnitte in das Wertedenken der Gesellschaft passieren nicht von heute auf morgen, aber man kann sie heute anfangen, dann ist es morgen zumindest schon ein bisschen besser.

Ricarda

Chefredakteurin bei Elvun Gaming
'85 geboren und im Herzen ein Spielkind. Angefangen mit dem alten ATARI 2600 habe ich schnell meine Leidenschaft für Computerspiele entdeckt. Ich liebte es den bunten Pixeln dabei zuzuschauen, wie sie über den Bildschirm hüpften. Jetzt spiele ich gern Aufbauspiele, Simulationen und RPGs. Neben Computerspielen mag ich Rollenspiele und bevorzuge hier "Call of Cthulhu".

4 Gedanken zu „Wenn die Medien zockende Frauen für sich entdecken, geht’s nicht um die Spiele“

  1. Zitat: „Wir lernen daraus auch, dass eine Frau kaum eine andere Option hat, wenn sie in der Gaming-Szene bekannt werden will, als wirklich WIRKLICH gut zu sein (und damit wirtschaftlich relevant, weil sie Geld verdient) oder eben sich diesem Schema hübsch und halbnackt hinzugeben.“
    Und was hat der Mann für Optionen? Wirklich gut zu sein, oder… nee ich glaub mit hübsch und halbnackt könnte er in Mainstream-Medien auch nicht punkten.
    Ein Gamer in seiner Funktion als Gamer ist ja geschlechtsunspezifisch, wie gut jemand im Spiel ist, dafür ist das Geschlecht nicht relevant. (Dass trotzdem mehr Jungs als Gamer vor dem Computer sitzen, kann man toll oder traurig finden, ist halt so – dass dann auch unter den guten Spielern mehr Jungs sind, ist statistisch zu erwarten.)
    Was ist also überraschend daran, dass auch Frauen sich nur als Gamer Aufmerksamkeit verschaffen können, indem sie gut sind?
    Dass sie sich auch als Frau Aufmerksamkeit verschaffen können, indem sie ihre Reize zeigen, ist eine Option, die sie den Männern voraus haben. Muss man sich darüber beschweren?

    1. Männer können durchaus auch reizen 😉 Aber Männer machen das anders. Schau dir einen Slimani an. Da geht es darum „Verfügbarkeit“ zu präsentieren. Dem Mädchen das Gefühl zu geben, er und sie könnten jederzeit ein Paar werden. Viele Männer nutzen das im Showbiz gerade bei jüngeren Mädchen als Zielgruppe aus. Schau dir mal die Massen an Fanfiction mit Let’s Playern an. Die Mechanismen sind die Gleichen, aber die Art und Weise WIE es passiert ist anders. Mädels „fängst“ du über die emotionale Schiene, während Jungs reine Körperlichkeit reicht.

      1. Och, ich kenne eine ganze Menge Mädels, denen das Aussehen des Typs auch schon reicht, um ihm zu verfallen. Das haben also sowohl Männer als auch Frauen gemeinsam. Nur, dass Frau halt noch Extrawaffen hat, die sie einsetzen kann (und auch einsetzt).

        Da ist es ganz leicht, uns Männern nachzusagen, dass uns der bloße Anblick von Brüsten schon ausreicht. So sind wir halt veranlagt – und das aus uns raus zu bekommen, dürfte eine unmögliche Aufgabe sein.

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