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Fast nackte Frauen auf Messen – Booth Babes verbieten!

Was ist ein Booth Babe?

Ein Booth Babe kann mehrere Aufgaben haben. Zum einen kann es das Produkt präsentieren, dann auch erklären oder es ist lediglich als “Dekoration” am Messestand um die Besucher mit einem Lächeln zu begrüßen.

Booth Babes sind nach jeder Messe im Zentrum der Diskussionen rund um die Männerdomäne Technik. Sie stehen an den Messeständen und tragen wenig bis sehr wenig, haben eine gute Figur, sind sportlich und hübsch. Sollten Frauen als Booth Babe arbeiten? Ist diese Arbeit erniedrigend? Welche Qualifikationen muss so ein Booth Babe denn haben?

Booth Babes sind hübsch, aber dumm

Ich stolperte eben über den Bericht des Techblogs ChipChick mit der provokativen Überschrift “CES Booth Babes Return for 2014 With More Clothes and Less Brains”.

Zur Vorgeschichte: 2013 gab es einen Eklat, weil auf der CES Frauen fast nackt an einem Messestand auftraten. Mimik-los, ausdruckslos wie lebende Statuen ließen sie sich fotografieren und von Besuchern anstarren. Es gab viele negative Reaktionen und sogar Petitionen für den Verbot von Booth Babes auf Messen.

2014 schickten sie also eine Reporterin los, den Frauen mal auf den Zahn zu fühlen, um zu sehen wie viel Ahnung sie denn zu den Produkten und zum Thema Technik haben. Das Ergebnis – nur wenige waren wirklich tief im Thema, das meiste wirkte auswendig gelernt. Die Reporterinnen freuten sich. Man konnte die “dummen” Booth Babes entlarven. Am Ende pochte auf meiner Stirn allerdings eine Wutader.

So viele Vorurteile, Bevormundungen und unterschwelliger Sexismus von Frauen aus der Techszene habe ich noch nie erlebt und ich schäme mich geradezu mit diesen Frauen im gleichen Berufszweig zu arbeiten.

Wieso das so ist, versuche ich jetzt einmal etwas konzentrierter zusammenzufassen. Wenn es etwas chaotisch wirkt, dann bitte ich dies zu entschuldigen.

Das Märchen, dass Frauen nur einer gesellschaftlich akzeptierten Arbeit nachgehen dürften

Frauen haben das Recht, selbst entscheiden zu können wo sie arbeiten und unter welchen Bedingungen sie es tun. Dazu gehört nicht nur die Wahl Studienrätin zu werden, sondern auch die Wahl, das Studium mit einem Einsatz als Booth Babe zu finanzieren. Dazu gehört auch die Wahl – so weh es Moralpredigern tut – seinen Lebensunterhalt beispielsweise als Prostituierte zu verdienen. Ich stelle Booth Babes hier ganz klar nicht mit Prostitution auf eine Stufe, weil beides noch einmal ein großer Unterschied ist, aber Booth Babes werden – vor allem von Frauen – oft als solche gesehen und so behandelt. Sie verkaufen jedoch nicht ihren Körper für Sex, sondern ihre Erscheinung, ihr Auftreten und ihre Sympathie. Das, was jeder Angestellte mit Kundenkontakt auch macht.

Booth Babes werden zu der Arbeit, die sie machen, nicht gezwungen, sondern sie machen sie aus dem gleichen Grund, weswegen die meisten von uns arbeiten – weil es Geld gibt, und man sich mit Geld sein Leben finanzieren kann. Sie haben kein Problem damit ihren Körper zu zeigen, bewerben sich sogar auf diese Stellen hin.

Booth Babes sind Menschen – Echt jetzt!

Booth Babes sind Frauen, Booth Babes sind Menschen mit einer Geschichte, einem Leben. So sehr öffentlich angeprangert wird, dass Booth Babes von den Ausstellern als Objekte dargestellt werden, so abstoßend ist die Vorverurteilung, die sie aufgrund ihrer Jobwahl oder ihrer Arbeitskleidung oder ihres Aussehens erfahren.

Da sind hübsche, leicht bekleidete Mädchen auf einer Messe, die freiwillig so ihr Geld verdienen. Verbieten!! (Oder eben diskreditieren…)

In dem Video wurden die Mädchen dann ausgefragt, wie viel Ahnung sie denn von Technik hätten. Viele Mädchen bestanden den Test nicht, stammelten etwas herum oder gaben offen zu, dass sie in dem Thema nicht drinstecken oder dass sie nur als Model für den Stand gebucht wurden, um die Produkte zu präsentieren oder als Fotomodell herzuhalten. Viele von ihnen standen sicher schon viele Stunden auf der Messe und waren aufgeregt, als die Kamera auf sie zeigte. Und das war der Punkt an dem mir die Hutschnur endgültig platzte.

“Ich bin viel klügerer als du” – Mentalität stinkt

Keines dieser Mädchen wird ein technisches Studium in Angriff nehmen, um genug fachliche Qualifikationen als Booth Babe zu bekommen. Brauchen sie auch nicht. Sie werden angelernt, um Endverbrauchern, die meist noch weniger Ahnung haben, einfach zu vermitteln, worum es bei einem Gerät geht und was sie damit machen können. Dadurch dass sie selbst nicht extrem tief in dem Thema stecken, können sie ihr einfaches Wissen genauso einfach weitergeben. Dem Messebesucher reicht das. Der hochdatierten Technikbloggerin vielleicht nicht, aber vielleicht ist sie auch nicht die kaufkräftige Zielgruppe der Messe.

Wissenslücke bedeutet nicht, dass eine Person dumm ist – nur dass sie etwas noch nicht gelernt hat

Was aber klar gestellt werden muss: Man darf niemanden als “dumm” darstellen, nur weil er in einem Themenbereich weniger Kenntnisse hat, als andere oder als man selbst, denn mit dem Folgeschluss sind alle Menschen dumm und man könnte jeden auflaufen lassen, wenn man nur die passenden Themen findet.

Einige Techbloggerinnen fühlen sich also angegriffen, wenn Frauen, die gut aussehen Geld damit verdienen, dass sie gut aussehen. Und deswegen machen sie ein Video, in dem sie diese Frauen interviewen und bewusst bloßstellen, obwohl die vielleicht einmal im Jahr mit dem Thema Technik zu tun haben, wenn sie auf einer Messe arbeiten. Und wieso? Um die Vorurteile zu bestärkten, dass Frauen, die gut aussehen, offensichtlich nichts im Kopf haben können – vor allem dann, wenn sie bei ihrer Arbeit sexy Kleidung tragen. Dieser Plan hätte statt von überengagierten Techbloggerinnen auch von einem extremen Macho kommen können. Statt sich aber angegriffen zu fühlen, hätte er vielleicht ein bisschen geifernd gesabbert. Der Rest der Story bliebe aber der Gleiche. Das ist in meinen Augen schon ein starkes Stück.

Wieso fühlt man sich durch Booth Babes angegriffen?

Ich frage mich, wie man programmiert sein muss, um sich von der Anwesenheit von leichtbekleideten Frauen angegriffen zu fühlen. Vor allem wieso macht man diese Frauen für die Wahrnehmung der eigenen Person verantwortlich? Wieso fühlt man sich herabgesetzt, weil eine leichtbekleidete junge Frau im gleichen Raum ist? Das kann doch nur bedeuten, dass man Booth Babes bereits selbst herabsetzt und sich dann mit ihnen vergleicht. Das wäre aber ein höchstpersönliches Problem und weder das Problem der Booth Babes, noch der Aussteller.

Man bezeichnete Messen als frauenfeindliche Umgebung, weil Booth Babes anwesend wären. Als würden sie die Ehre der Frau durch das Zeigen ihres Körpers herabsetzen. Als wäre die Ehre einer Frau von ihrem Körper oder ihrer Kleidung abhängig. Ich stelle mal eine steile These auf. Auf Technikmessen sind so wenig Frauen vertreten, weil sie sich für den Kram da nicht interessieren. Denen sind Booth Babes völlig schnuppe. Fragt doch mal Freundinnen, die nicht im Techthema sind, wieso sie sich nicht schon auf die CES freuen. Die werden nicht sagen: “Weil wegen Booth Babes und bla.” sondern “Was soll ich da? Interessiert mich doch nicht.”

Eigentlich wollen wir nur mehr nackte Jungs

Das Ende des Videos ließ dann noch einmal durchblicken worum es wirklich geht. Es sollten mehr Booth Boys gezeigt werden, dann wären Messen auch für Frauen interessant. Da haben wir also wieder die Doppelmoral, dass wenn Frauen etwas machen, es diskriminierend ist. Wenn Männer etwas machen, dann ist es nur fair. Ist das wirklich das Niveau auf dem wir dieses Thema diskutieren sollten?

Es gibt Frauen auf Messen, die hübsch aussehen und damit ihr Geld verdienen. Das macht sie nicht zu schlechten Menschen. Liebe empörte Techbloggerinnen, macht das wozu ihr auf der Messe seid. Berichtet über die Produkte und vergleicht euch nicht mit den Models, die diese präsentieren. Unterstellt ihnen nicht, sie würden die Wahrnehmung eurer Person beschädigen. Das könnt ihr schon ganz allein. Versucht nicht den Klugscheißer-Wettbewerb zu gewinnen, nur weil ihr neben einer Person, die in eurem Fachgebiet keine Ahnung hat, besser ausseht. Das ist nämlich gar nicht schwer.

Startet den Klugscheißer-Wettbewerb nicht mit jemandem, von dem ihr sowieso wisst, dass er verliert

Ich gebe euch mal eine Aufgabe. Behandelt auf zukünftigen Messen die Booth Babes einfach mal menschlich. Immerhin stehen sie da den ganzen Tag, um euch die Geräte zu präsentieren, über die ihr schreiben wollt und für eure Blogfotos hübsch auszusehen . Booth Babes sind Menschen, mit denen man normal reden kann und das solltet ihr auch. Selbst wenn es euch schwer fallen mag. Seid mal nett.

Seid einfach mal nett

Und solltet ihr euch irgendwie dagegen entscheiden nett zu sein und in Booth Babes Menschen zu sehen, die einfach ihren Job machen, möchte ich euch gerne in Zukunft auch für die Rechte von Booth Boys einstehen sehen. Ich will euch argumentieren sehen, dass Booth Boys ein männerfeindliches Klima schaffen, bei dem die Ehre des Mannes herabgesetzt werde, weil die Booth Boys zeigen, dass Männer doch eigentlich nur Objekte sind. Darauf bin ich schon sehr gespannt. Think about it.

(PS. Danke Nicole Scott für ihre wunderbar unaufgeregte Art, mit der sie zeige, dass man das Thema auf absolut entspannt sehen kann.)

Ricarda

Chefredakteurin bei Elvun Gaming
'85 geboren und im Herzen ein Spielkind. Angefangen mit dem alten ATARI 2600 habe ich schnell meine Leidenschaft für Computerspiele entdeckt. Ich liebte es den bunten Pixeln dabei zuzuschauen, wie sie über den Bildschirm hüpften. Jetzt spiele ich gern Aufbauspiele, Simulationen und RPGs. Neben Computerspielen mag ich Rollenspiele und bevorzuge hier "Call of Cthulhu".

5 Gedanken zu „Fast nackte Frauen auf Messen – Booth Babes verbieten!“

  1. Es ist einfach peinlich wenn man produkte durch nackte haut anpreisen muss, selbst wenn die besitzer der haut null und nix mit dem Produkt zu schaffen haben, also gar kein Bezug besteht. Peinlich für alle: aussteller, babes, käufer, besucher, marketingfritzen etc.
    Das kannst du einfach nicht schön reden vonwegen freier berufswahl und so.
    Auftragskiller wäre auch freie berufswahl, genauso wie Bettler am Boden sitzend. Kann man machen, klar, aber ist einfach nur doof und bescheuert!

      1. hihi. beim Schreiben dieses Teils wusste ich bereits, dass dieser Kommentar kommen wird :-). Ok, stimmt. Inhatlich nicht vergleichbar. Aber es geht mir nicht um den konkreten Inhalt des Berufs, sondern darum, dass das Prinzip der freien Berufswahl nicht per se einfach nur gut ist. ich finde ohnehin, dass unsere westliche Kultur an perverser Interpretation des ‘Recht auf Individualität’ krankt.Ehtik, Moral und gesunder Menschenverstand bleiben da oft auf der Strecke.
        Booth-Babes nenn ich auch die Girls, die als Promotion taschenweise Zigaretten unters Party-Volk verteilen. Ist auch freie Wahl. Aber moralisch verwerfelich, wenn man mittels ‘heissen Schüssen’ ein tödliches oder zumindest krank-machendes Produkt an junge Menschen verteilt (das sage ich als Raucher!). Stell dir vor jemand würde mit einer Tasche Grass rumlaufen und Promotion-’Rauchis’ gratis verteilen. Aber ja; Sex sells. Selbst wenn man junge Menschen mit Suchtstoffen anfixen will. Pervers, wenn man genauer drüber nachdenkt… (uuh, hör ich mich da alt an. Dabei war ich selbst einst ein fleissiger Supermarket-Gänger und Sensor etc.)

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